ngland ist DAS Land für alle Gartenbegeisterten! Die Wertschätzung von Gärten und GärtnerInnen scheint dort deutlich höher als in anderen Ländern und Gartenkultur hat einen sehr hohen Stellenwert. Und irgendwie schaffen es die Engländer mit großer Lässigkeit, tief in Traditionen verwurzelt zu sein und gleichzeitig immer den Finger auf dem Puls der Zeit zu haben. Genau dieses Phänomen hat mich auf meinem Kurztrip auf die Insel wieder inspiriert und begeistert.
„The basis for good gardening must always be a love of plants. (Christopher Lloyd)“
Meine Vorliebe für naturnahes Gärtnern fand ich erfreulicherweise sowohl auf der Chelsea Flower Show, als auch in zwei berühmten Gärten Südenglands widergespiegelt. Zunächst führte mein Weg auf Londons renommierte Gartenschau, leider zwei Tage später als King Charles, der die Ausstellung mit mehr Ruhe genießen konnte.
Besonders ausgezeichnet wurde der Garten `On the Edge´ von Sarah Eberle, der auch mein Favorit war. Sie repräsentierte mit ihrer Gestaltungsidee die `Campaign to Protect Rural England´ und lenkte die Aufmerksamkeit auf naturbelassene Randbereiche im urbanen Raum, bzw. im Übergang zur freien Landschaft, die aufgrund der sich beständig ausdehnenden Städte zunehmend verschwinden. Sich selbst überlassene, verwilderte Bereiche ermöglichen Naturerfahrung im Alltag und tragen so zur Psychohygiene bei. Auf nur 100 m² gelang es Eberle, eine verwunschene Atmosphäre spürbar zu machen, die ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht, dass diese empfindlichen Grünräume vor der Haustür für künftige Generationen bewahrt werden. Elemente des Gartens sind ein umgefallener Baum, der die Form einer Frau annimmt, die das Wasser eines flachen Teiches berührt, während ihr Weidenhaar sich über eine den Raum umschließende Trockenmauer ausbreitet, sowie ein hoher Reichtum an heimischen Wildpflanzen.
Das Bewahren traditioneller Landnutzung und der Erhalt der Biodiversität wurde auch von einigen anderen Beiträgen auf der Chelsea Flower Show thematisiert. Zum Beispiel der `Forgotten Forests Garden´ des Woodland Trusts. Er engagiert sich für die Wiederherstellung von Urwäldern und artenreichen Mischwäldern als Gegengewicht zu monotonen Forstflächen. Neben den typischen Trockenmauern waren Bäume und Wildpflanzen zu sehen, die ein lebendiges Bild üppig gedeihender Wälder voller natürlicher Schönheit vermittelten. Die Initiative setzt auf Naturverjüngung aus im Boden vorhandenem Samenpool, was verdeutlicht, wieviel Geduld und Fürsorge erforderlich ist, um Wälder für die Zukunft im natürlichen Gefüge zu verankern.
Im ländlichen Sussex, südlich von London, befinden sich einige sehenswerte Gärten. Zwei habe ich mir für einen Tagesausflug ausgewählt. Standen House wurde unter der Leitung des Arts-and-Crafts-Architekten Philip Webb für die künstlerisch ambitionierte Familie Beale gebaut und liegt, von einem ausgedehnten Gartenareal umgeben, eingebettet in der Landschaft. Das Arts-and-Crafts-Movement verstand sich als Gegenbewegung zur Industrialisierung und legte größten Wert auf sorgfältig ausgeführtes Kunst-Handwerk, traditionelle und regionale Materialien. Dies umfasste auch die landwirtschaftliche Nutzung des zugehörigen Farmlandes und noch heute großflächig vorhandener Obstwiesen und Gemüsegärten. Standen House and Gardens wurde als ländlicher Fluchtort der Familie konzipiert, in dem sie sich leger und behaglich ihrem künstlerischen Schaffen hingeben konnte. Dazu gehörte vorrangig die Gestaltung des naturbetonten Gartens mit weiten Waldbereichen, Felsformationen, Wiesen und gemischten Rabatten.
Der Garten von Great Dixter überrascht mit starken Kontrasten und fordert Sehgewohnheiten heraus. Ursprünglich angelegt wurde der Grundriss des Gartens unter der Leitung des Architekten Edwin Lutyens, der mit der Sanierung und Ergänzung des Gebäudes betraut war. Heute sprengt eine überschäumende Fülle an Farben und Formen die formale Struktur der Gartenanlage. Christopher Lloyd, Gartenpublizist und -enthusiast, prägte den Charakter des Gartens maßgeblich. Seine Vorgehensweise war unkonventionell und er überschritt bei der Pflanzenauswahl und -anordnung bewusst die Grenzen des guten Geschmacks. Er propagierte einen experimentellen, abenteuerlustigen Umgang mit Pflanzen, erschuf mutig ungewöhnliche Kombinationen und warf Regeln über Bord. Statt Rabatten legte er Wiesen an, der Rosengarten musste einem tropischen Dschungel weichen. Neugier, Vorstellungskraft und die Liebe zu den Pflanzen trieben ihn an und er gab seine Leidenschaft an die nächste Gärtnergeneration weiter. Heute liegt der Fokus im Erhalt des Geistes von Chrisopher Lloyd. Da diesem jedoch alles Statische und Rückwärtsgewandte zuwider war, wird der Garten progressiv weiterentwickelt. 2017 wurde eine Biodiversitätserhebung durchgeführt, die ergab, dass der Garten über 2000 Arten beherbergt. Was mit dem Bruch von Konventionen begann, führt nun in eine artenreiche Zukunft.
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