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Warum Wildnis gut für die Seele ist.

Warum Wildnis gut für die Seele ist

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ie Sehnsucht nach Naturerfahrung scheint im Menschen angelegt zu sein. Viele zieht es in natürliche oder zumindest naturnahe Landschaften, um dort Ruhe und Erholung zu finden, um sich selbst an den Kräften der Natur zu messen, um in Resonanz zu treten und sich der eigenen Natur stärker bewusst zu sein. Je naturferner unser Lebensumfeld wird, je mehr vom Menschen unbeeinflusste Bereiche aus der Landschaft verschwinden, desto größer wird diese Sehnsucht. Dies spiegelt sich auch in der Art, wie Menschen ihre Gärten gestalten.

„The best kind of garden grows out of the situation.“ (William Robinson)

Im Garten sind wir der Natur näher als im bebauten Raum. Seit der industriellen Revolution hat sich parallel zur Technisierung ein Trend zur naturnäheren Gartengestaltung entwickelt. Mit Technik gelingt es, die Natur zu unterwerfen und zu kontrollieren. Das Bedürfnis nach gelenkter Ordnung wird dadurch befriedigt, danach, alles im Griff zu haben. Und dennoch schwingt in Manchen unterschwellig die Gewissheit, dass auch das Wilde wertvoll ist.

Der Garten ist ein Seelenraum. Er entspringt weniger der Ratio, mehr dem Gefühl. Seine Gestaltung vermittelt das Bild einer idealen Landschaft. Dieses Ideal hat sich im Laufe der Geschichte der Gartenkultur immer wieder verändert. Im 19. Jahrhundert wurden stark geformte Strukturen wie Schnitthecken und Teppichbeete mehr und mehr abgelöst von Landschaftsparks, in denen Bäume und Sträucher in ihrer natürlichen Wuchsform auf weitläufigen Rasenflächen angeordnet waren. William Robinson (1838-1935) beeinflusste durch seine Veröffentlichungen v.a. „The Wild Garden“ und „The English Flower Garden“ die Gestaltung, indem er sich dafür einsetzte, Wildstauden großflächig in diese Landschaften zu integrieren. Vorbild waren für ihn natürliche Waldboden- und Saumgesellschaften. In Hausgärten hielt diese Art der Staudenverwendung in Form von Rabatten Einzug. Der „Cottage Garden“ wurde zum naturbetonten Ideal. Wichtig war Robinson, die natürliche Schönheit der Pflanzen zu betonen, strenge Linien wichen organischen Formen.

In Holland prägte Henk Gerritsen (1948-2008) die sich weiter ausbreitende Naturgartenbewegung durch seine Priona-Gärten in Schuinesloot. In seinem Gartenmanifest formulierte er die Prinzipien, die ihm dabei wichtig waren. Noch stärker als Robinson berücksichtigt er die Standortbedingungen und verwendet überwiegend heimische Pflanzen (bewusst auch Rote-Liste-Arten), bzw. integriert Wildpflanzen, die von allein aufgehen. In manchen Bereichen ergänzt er den ursprünglichen Bewuchs nur mit zusätzlichen Pflanzen. Die natürliche Dynamik wird nicht nur zugelassen sondern ist Teil des Naturerlebens im Garten. Alle Prozesse des Lebens dürfen sichtbar sein und ihren eigenen Reiz entfalten. Um dennoch ein Gefühl von Ordnung zu erzeugen, gibt es klar begrenzte Rasenflächen, Wege und Raumgrenzen, die die wilderen Bereiche rahmen, aber nie unnatürlich wirken. Was nun allmählich geschieht, ist, dass die artenreichen, lebendigen Teile der Kulturlandschaft in Gärten nachgeahmt werden. Je mehr blütenreiche Wiesen, Hecken und Säume aus der Landschaft entfernt werden, desto dringlicher versuchen Menschen diese in Siedlungsräumen wieder auferstehen zu lassen.

Im aktuellen Naturgartentrend weitet sich der Blick von der reinen Pflanzenverwendung hin zu den tierischen Bewohnern des Gartens. Tiere werden bei der Planung bereits mitgedacht. Pflanzen werden danach ausgewählt, dass sie heimischen Tierarten als Nahrung oder Lebensraum dienen. Ökologische Zusammenhänge müssen berücksichtigt werden, Lebenszyklen und Nahrungsketten wollen bedacht sein. Auch der Pflegerhythmus wird auf die Bedürfnisse von Tieren abgestimmt. Was wild und zufällig wirkt, erfordert großes Wissen. Außer heimischen Wildpflanzen werden Trockenmauern oder Steinhaufen, Sandlinsen und Totholzstrukturen eingeplant. Manche bauen Nistkästen, Wohnhöhlen oder Insektenhotels für unterschiedliche Arten. Das Leben zu bewahren und es in seiner Vielfalt zu erhalten motiviert die NaturgärtnerInnen.

Und während die Verdichtung der Siedlungsräume weiter fortschreitet, greift die eine oder andere zum Abbruchhammer, räumt den Asphalt zur Seite und lässt der Wildnis freien Lauf…